2.07.2009
Die Hure der öffentlichen Meinung
Die Hure der öffentlichen Meinung
Frankfurt - Fassbinder, Vesper, Nico - der Filmemacher, der Schriftsteller und die Sängerin haben die kulturelle und politische Szene in Deutschland mitgeprägt und waren mit ihren radikalen künstlerischen Lebensentwürfen Projektionsflächen für eine verunsicherte Gesellschaft. In unabhängig voneinander lesbaren, aber auch als Ganzes überzeugenden Texten nähert sich der Franzose Alban Lefranc den Ausnahmekünstlern.
Rainer Werner Fassbinder zeigt der 1975 geborene Autor als Getriebenen, als einen von Drogenmissbrauch gezeichneten, am Rande des Wahnsinns taumelnden Künstler, der im Angesicht des Todes seine letzten kreativen Ressourcen mobilisiert. Zerrissen zwischen der Sucht nach Anerkennung und dem Verlangen zu schockieren, hetzt der 1945 geborene Fassbinder, der in nur 14 Jahren 44 Filme drehte, durch die letzten Stunden seines Lebens. Ein Mythos war der bisexuelle Filmemacher schon zu Lebzeiten, sein früher Tod verstärkte die Legendenbildung um den widersprüchlichen Künstler. Fassbinders selbstzerstörerisches Künstlerdasein beschreibt Lefranc radikal, sein Privatleben stellt er dar als einen ambivalenten Balanceakt zwischen Nähe und Distanz.
Im zweiten Text geht es um den Schriftsteller Bernward Vesper. Auch er ist bei Lefranc ein Zerrissener. 1938 geboren als Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper, machten ihn zunächst vor allem seine Nähe zur RAF - Vesper war mit der Terroristin Gudrun Ensslin liiert - und seine politischen Stellungnahmen in der Szene bekannt, sein psychedelisches Romanfragment «Die Reise» wird erst sechs Jahre nach seinem Freitod veröffentlicht. Vespers Scheitern ist bei Lefranc Konsequenz einer von der Herkunft überschatteten Identitätssuche, der immer wieder misslingende Versuch, den widersprüchlichen Gefühlen literarisch Ausdruck zu verleihen, Resultat der Hassliebe zum despotischen Vater.
Die 1938 als Christa Päffgen geborene Nico ist Hauptfigur des dritten Kurzromans. Sie war Model, Sängerin und Muse, mit Andy Warhol drehte sie Filme, die Band Velvet Underground verstärkte sie als Sängerin, zahlreiche Liebschaften mit Musik- und Kunst-Ikonen werden ihr nachgesagt.
Lefranc zeichnet Nicos Lebensweg nach, indem er immer wieder die Fakten in Frage stellt. Denn Nico war selbst in Zeiten ihres größten Erfolges nicht mehr als eine Kunstfigur, die hinter dem verschwand, was andere in ihr sahen.
Sprachlich intensiv, aber inhaltlich fragmentarisch nähert sich Lefranc seinen Hauptfiguren, dabei durchbricht er die Subjektivität immer wieder mit Ausschnitten aus RAF-Kundgebungen oder zeitgenössischen theoretischen Texten - und ortet so die drei Lebensentwürfe in ihrem gesellschaftlich-politischen Kontext.
(Anke Breitmaier)
1.28.2009
Die Kriegskinder (Hamburger Abendblatt)
Es sind gar zu viele Bücher im runden Revolutions-Gedächtnis-Jahr auf uns geprasselt, aber das Interesse an der Generation der Kriegskinder ist berechtigt. Was ist es, was die Nachkommen der Täter antrieb? Den Franzosen Alban Lefranc, Schriftsteller, Jahrgang 1975, faszinierten die Lebensläufe von drei Deutschen, die Künstlerlaufbahnen einschlugen und, zumindest zwei von ihnen, weltweit bekannt wurden: Rainer Werner Fassbinder, Regisseur, und Nico, geborene Christa Päffgen, Chanteuse und Model. Der Dritte im Bunde ist freilich der Wichtigste, Bernward Vesper, Verleger und Schriftsteller. Außerdem Vater des Kindes von Gudrun Ensslin und Sohn von Nazi-Dichter Will Vesper. Bernward, der seine Frau an Baader und die RAF verlor, identifizierte sich psychisch so sehr mit der schuldhaften Geschichte seines Vaters, dass ihm nur der Weg in den frühen Freitod blieb. Auch die anderen beiden wurden nicht alt.
Es sind dramatisch-künstlerische, antibürgerliche Lebensläufe, die alle durch ihren Generationszusammenhang verbunden sind. Lefranc hat sein Buch "Angriffe" genannt, weil seine außergewöhnlichen Biographien in die gewöhnlichen schneiden. Es ist eine gesellschaftliche Wunde, die da zurückbleibt.
Lefranc benutzt Originalquellen, beschreibt die Lebensläufe aber trotzdem in spannend erzählter Doku-Romanform. Neues erfährt der Leser nicht, aber er taucht noch einmal ein in eine bereits untergegangene Zeit der Rebellion.
erschienen am 10. Januar 2009
Drei Romane, eine Attacke
http://www.poetenladen.de/daniel-ketteler-alban-lefranc.htm
1.11.2009
12.15.2008
12.10.2008
Angriffe in der F.A.Z.

Ein Fake mit Fortüne
Ein Artikel von IRENE BAZINGERhttp://www.faz.net

Foto : F for Fake (Orson Welles)
12.03.2008
Nico und ANGRIFFE in Livres Hebdo
http://www.editions-verticales.com
12.01.2008
10.03.2008
Angriffe auf ARTE
http://www.arte.tv/de/2246576.html
Alban Lefranc, fasziniert vom Deutschland der 1960er und 70er Jahre, erfindet drei packende Lebensläufe neu: den des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, den des einstigen Verlobten von Gudrun Ensslin und Autors von Die Reise, Bernward Vesper, und den der Sängerin Nico.
*
Angriffe vereinigt drei Lebenserzählungen in einem Band, drei tragische Schicksale, die die souveräne Schreibhand Alban Lefranc aufs Engste erfasst und sehr viel weiter führt, als eine einfache Biographie das je könnte. Rainer, vor einem Berg von Töpfen in der Küche, stellt sich einen Film vor, Gudrun klebt ihre stummen Lippen an die Scheibe im Besuchsraum, Nico sieht auf Ibiza einen Engel auf dem Fahrrad. In der Verschränkung von Fakten und erfundenen Elementen, durch das Aneinandermontieren von dokumentarischen Texten und Bruchstücken von Gedichten findet Alban Lefranc den stoßenden Rhythmus, die unaufhaltsame Bewegung eines Sturzes, den er dem Ruhm, dem Tod, dem Vergessen entreißt:
"Sie bekamen sonderbare Halluzinationen in Gehör und Muskeln, widersinnige Körper. Sie versuchten, ihre Sprache zu retten, ihr Blut in den Mund zu pumpen, Definitionen aufzustellen, die so messerscharf und blutig waren, dass kein Staat ihnen standhalten würde."
Drei exemplarische Leben: ein Schwuler, ein Schriftsteller und eine Heroinsüchtige
Diese drei imaginären Biographien sind Teil einer umfassenden Bewegung der französischen Literatur seit Jahrzehnten, die das autobiographische Modell aufgreift, um es zu unterwandern. Erinnert sei an Pierre Michons grundlegendes Buch Leben der kleinen Toten, in dem bedeutungslose Existenzen in der tiefsten Provinz prominent wurden. In den Randzonen der deutschen Stadt, unter Schwulen, Abgetauchten und Koksern, gräbt Alban Lefranc seine sperrigen Leichen aus, um sie zu exemplarischen Figuren zu machen.
"Sein Lachen aber, auch wenn sie es mit vereinten Kräften angingen, wenn sie seinen Mund mit Erde zuschaufelten, wenn sie den Sarg mit Retrospektiven über ihm zunagelten, glaubten sie wirklich, sie könnten sein Lachen abstellen?"
Nur wenige Schriftsteller haben sich letztlich daran gewagt, diese dunkle Periode der deutschen Geschichte literarisch auszugraben. Und genau das macht die Einzigartigkeit von Alban Lefrancs Unterfangen aus. «Mich interessierte zuerst ihr Verhältnis zur Sprache, was sie anfangen wollten mit der Sprache, warum diese Sprache nach der Nazizeit verhindert wurde», sagt der Schriftsteller über die, die stigmatisiert wurden als «die Baader-Meinhof-Bande». «Bei all meinen Figuren findet sich das Verlangen, zu einer lustvollen Sprache zu finden». Ob es nun Baaders Parolen sind oder Ensslins Weigerung zu sprechen, Vespers Poesie, die ins Leere läuft oder Nicos langes Gestotter: alle Figuren Alban Lefrancs sind sprechende Körper. Münder, die ganz physisch die Symptome einer Epoche auf das Papier bringen, die zerrissen wird von Schuld und Leugnen:
"Wir sind aus den konsumverwüsteten Hirnen und dem Dogma der Gewaltlosigkeit hervorgegangen. Wir sind mit Depressionen, Krankheiten, sozialen Abstiegsängsten aufgewachsen. Doch diese Brut hat die Unorte, in die Ihr sie einquartieren wolltet, verlassen. In Euren Eingeweiden habt Ihr eine Armee ausgebrütet", spricht Baader.
Fassbinders dicker, unwürdiger Körper

Endgültig aber sprengt Alban Lefranc in Fassbinders unförmigem Körper, einem Körper, der sich über alle Öffnungen entleert, der sich ergießt in Kotze, Blut und Scheiße, der geduldig gestaltet wurde durch eine strenge Diät aus Missbrauch aller Arten – Sex, Alkohol, Drogen, Bulimie – den hergebrachten Rahmen der Biographie in einem überaus neuartigen Künstlerporträt. Ganz nach der "Methode RWF" verschlingt der Schriftsteller buchstäblich seinen Gegenstand.
Er folgt ihm überallhin, in die Gassen, in seine Träume, ins Bett. Er hört ihm zu beim Gespräch mit Frauen, Journalisten, Lovern. Er saugt seine Ängste auf, verinnerlicht seine Fantasien, macht seine Exzesse zu den eigenen bis zum "Putsch im Innern". Und die Erzählung schwillt und schwillt. Am Ende, so schreibt Alban Lefranc, war Rainer Werner Fassbinder so dick geworden, dass "die Welt (sich) wand (…) in Verzückung vor ihm".
Alban Lefranc wurde 1975 im nordwest-französischen Caen geboren, er lebt in Paris und Berlin. Bisher hat er vier Romane veröffentlicht. Er hat unter anderen Peter Weiss ins Französische übersetzt und ist Chefredakteur der deutsch-französischen Literaturzeitschrift La mer gelée, die er 2002 gründete.
Eine Rezension von Christine Lecerf
9.26.2008
Interview mit RFI

Ein Interview mit RFI Deutschland (MP3), im Juni 06, nach der Erscheinung in Frankreich von Münder und Waffen (Original Titel : "Des foules, des bouches, des armes)
Presse (auf französisch) über Des foules, des bouches, des armes (Melville / Léo Scheer, 2006)
9.21.2008
Interview mit Antonio Farinaci über Angriffe

Rainer Werner Fassbinder, Bernward Vesper und die Sängerin Nico sind die Protagonisten der biographischen Romantrilogie „Angriffe“ des französischen Schriftstellers Alban Lefranc
São Paulo, 26.7.2008
von Antonio Farinaci
(Übersetzung ins Deutsche: Katja Roloff)
Im Oktober erscheint in Deutschland eine Roman-Trilogie über drei Ikonen der jüngsten deutschen Geschichte, vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse seit Mitte der sechziger Jahre, insbesondere der 68er-Bewegung in Westdeutschland.
Die extremen Lebensentwürfe des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, des Schriftstellers Bernward Vesper und der Sängerin Nico stehen im Mittelpunkt der Roman-Trilogie des französischen Schriftstellers Alban Lefranc, 33, die unter dem Titel „Angriffe“ in Deutschland erscheinen wird. Zwei dieser Texte, „Attaques sur le chemin le soir dans la neige“ („Angriffe auf dem Weg im Schnee am Abend“) über Fassbinder, und „Des foules, des bouches, des armes“ (in der dt. Fassung „Münder und Waffen“) über Bernward Vesper, sind bereits in Frankreich erschienen.
„Jede dieser drei Figuren sucht nach einer Form (Film, Literatur, Musik), um an der Zeit, in der sie leben, und an dem Abscheu für diese Zeit nicht zugrunde zu gehen“, fasst der Autor in einem Interview mit Trópico in Berlin, wo er zurzeit lebt, zusammen.
Fassbinder und Vesper fühlten sich als Außenseiter: Der Filmemacher, weil ihm der Weg in die deutsche Filmwelt erschwert wurde, der Schriftsteller aufgrund seiner Familiengeschichte: er war Sohn des NS-Dichters Will Vesper. Nico beschritt den entgegengesetzten Weg, vom Jet Set in die Subkultur.
Die Nachkriegszeit, der Wiederaufbau auf den „Ruinen des Nationalsozialismus und seine Lügen“ haben die drei unterschiedlichen Figuren entscheidend geprägt. „Das erdrückende gesellschaftliche Klima und die moralische Ordnung, die sich in Deutschland seit Adenauer etabliert hat und die später, Ende der sechziger Jahre (zumindest scheinbar) umgestoßen wird, sind ihnen unerträglich“, so Lefranc. „Für alle drei ist Kunst eine existenzielle Notwendigkeit“.
Für die Romane griff Lefranc auf biographisches Material der Figuren sowie Filme und Bücher zurück. Ebenso wichtig ist ihm jedoch die Freiheit der Fiktion. „In manchen Fällen entferne ich mich sehr von den realen Fakten“, erklärt Lefranc, „und erfinde Umstände und Momente, die mir aussagekräftiger erscheinen, wirklicher als das, was für real gehalten wird“.
***
Alban Lefranc im Interview mit Trópico
Welche Verbindung besteht zwischen den drei Figuren Fassbinder, Vesper und Nico?
Alban Lefranc: Alle drei mussten sich von den Ruinen des Nationalsozialismus und den Lügen des Wiederaufbaus befreien. Hinter ihnen liegt eine unvorstellbare Katastrophe, ein grauenvolles Verbrechen, vor ihnen der Optimismus des Wirtschaftswunders und der Antikommunismus als neue Staatsreligion.
Rossellinis Deutschland im Jahre Null ist vielleicht der Film, der diese Katastrophe, die Verzweiflung, die am Anfang lag, am besten wiedergibt.
Alle drei haben eine geradezu selbstmörderische Lebenswut. Sie suchen nach einer Form (Film, Literatur, Musik), die es ihnen ermöglicht, an dem Abscheu für die Zeit, in der sie leben, nicht zugrunde zu gehen.
Für alle drei ist Kunst eine existenzielle Notwendigkeit.
Das erstickende gesellschaftliche Klima und die moralische Ordnung, die sich in Deutschland seit Adenauer etabliert hat und die später, Ende der sechziger Jahre (zumindest scheinbar) umgestoßen wird, ist ihnen unerträglich.
Alle drei teilen die Anliegen der Studentenproteste und unterstützen, zumindest zu Anfang, den bewaffneten Widerstand.
(Man kann die Ereignisse dieser Zeit nicht nachvollziehen, wenn man außen vor lässt, dass unter Intellektuellen und Studenten ein gewisser Konsens zur Befürwortung des bewaffneten Widerstands herrschte: Der Gewalt, die der Staat anwendete, musste man mit Gewalt begegnen.)
Die drei Figuren sind auf gewisse Weise von Enttäuschungen geprägt. Wie äußern sich ihre Enttäuschungen, ihre Verzweiflung?
Ja, Enttäuschungen spielen eine Rolle.
Doch keiner der drei schleppt diese Enttäuschungen mit sich herum, keiner von ihnen ist anfällig für Ressentiments. Die Enttäuschung ist für sie nur ein Ausgangspunkt. Die Frage ist vielmehr: Was fängt man seinen Hemmnissen, seinen Grenzen an?
Bei Fassbinder und Vesper auf der einen und Nico auf der anderen Seite verläuft die damit verbundene Entwicklung sehr unterschiedlich.
Fassbinder und Vesper sind zunächst Außenseiter. Der Drang, anerkannt zu sein, in ihr künstlerisches Milieu aufgenommen zu werden, gibt ihnen eine enorme Kraft. Ihr Leben lang (zwei kurze Leben: RWF starb mit 37, Vesper mit 32) verfolgt sie das Gefühl, außen vor zu bleiben, der Komplex des Provinziellen gegenüber dem Eleganten, des Fremden gegenüber dem Einheimischen. Dieser Komplex vernichtet sie nicht, im Gegenteil, für RWF ist er ein äußert produktiver Antrieb. Selbst, als er bereits anerkannt ist, bleibt er unverdaulich, zu skandalös, sowohl wegen seines Lebenswandels, um den er keinen Hehl macht (zu schwul, drogensüchtig …) als auch wegen seiner Kunst (zu radikal).
Nico wird von einem Tag auf den anderen von diesem Milieu aufgesogen (Jet Set, Geld, berühmte Künstler), noch bevor sie überhaupt die Zeit hat, den Zutritt in diese Welt zu begehren. Schließlich setzt sie alles daran, daraus auszubrechen und alles, was sie hat, zu verschleudern.
In seinen Tagebüchern schrieb Kafka: „Literatur ist Ansturm gegen die Grenze“. Diese grundlegende Beziehung zur Grenze haben alle drei Figuren gemeinsam. Sie sind sich der Bedeutung und der Bedingtheiten von Grenzen sehr bewusst. Zu welcher Gruppe gehöre ich oder nicht? Wer entscheidet, wer ich bin? Wer „macht“ mich zum Künstler? Welche Rolle spielen die Journalisten und wie gehe ich damit um?
Wie kam es zu dem Titel der Trilogie, „Angriffe“?
Alle drei Figuren haben eine von Gewalt bestimmte Haltung zur Welt. Die Welt, die Kunst bedeuten für sie Krieg. Die Metapher des Krieges ist bei ihnen allgegenwärtig. Gleichzeitig befinden wir uns auch in der Zeit des Koreakriegs, des Vietnamkriegs (50er/60er), der Befreiungskriege der Kolonien, und später der Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Staatsgewalt, der RAF-Attentate in Deutschland.
Angriffe: Das ist die Atmosphäre der Zeit.
Wie kam es nach den Romanen über Fassbinder und Vesper zu Nico als dritte Figur der Trilogie?
Nico kam als notwendiger, vervollständigender Komplex hinzu. Erst Film, dann Literatur, schließlich die Musik.
Darüber hinaus hatte ich den Wunsch, als mich als Mann in einer Fiktion mit der Biographie einer Frau auseinanderzusetzen (und zwar spezifisch in der Form der biographie imaginaire, der fiktiven Biographie, in der man eine Figur „kolonisiert“, es wagt, sie sprechen zu lassen, die biographischen Leerstellen zu füllen, sich in ihr Begehren hineinzuversetzen).
In allen drei Romanen ist auch die Sexualität als Fluchtweg oder Weg in den Tod allgegenwärtig; nach einem möglichen homosexuellem Begehren (RWF), einem möglichen heterosexuellem Begehren (Vesper), ein mögliches Begehren (oder das Nicht-Begehren unter Drogen) einer Frau. (ganz ausdrücklich EIN mögliches. Ich möchte mir selbstverständlich keine Verallgemeinerungen anmaßen.) Die Weiblichkeit mit all ihren Implikationen stellte für Nico auch ein Hindernis dar, sich in einem stark männerdominierten Milieu, in der Musikbranche, im Film, durchzusetzen; sie wurde auf die Rolle der schönen, stummen Frau reduziert, wurde nicht ernstgenommen. Viele Artikel über sie sind äußerst abwertend, gestehen ihr ausschließlich die Rolle der Ikone und Muse männlicher Künstler zu.
Nico hat einen großen Teil ihrer Karriere im Ausland verbracht. Jedoch hat sie weiterhin eine enge, explosive, unbedingte Beziehung zu Deutschland und der deutschen Sprache. Als sie in Deutschland auftritt, widmet sie ihre Songs Andreas Baader, so zum Beispiel die verbotene erste Strophe des Deutschlandlieds.
Was bewegt Sie als französischer Autor dazu, sich in Ihren Romanen mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen?
Ich habe fast die ganzen letzten zehn Jahre lang in Deutschland gelebt, in Bochum, Dresden, Bonn und Berlin. Das Land kenne ich mittlerweile ganz gut. Ich glaube, dass ich als Ausländer, mit einem fremden Blick möglicherweise freier über diese Geschichte sprechen kann. Ich fasse sie nicht mit Glacéhandschuhen an. Und ich habe ein abstrakteres Verhältnis zu dieser Geschichte, ich habe keine Verwandten oder Freunde, die diese Zeit erlebt haben: Das kann paradoxerweise eine Chance sein.
Alles begann mit RWFs Filmen. Seine großartige Episode in Deutschland im Herbst war für mich der Schlüssel zu dieser Zeit: Die Verbindung von Körper und Politik, Privatem und Öffentlichem, die Darstellung der Affekte, die sehr subjektive Sicht, die Wut als Rettung …
Welche Quellen haben Sie für die Darstellung der Figuren in Ihren Romanen verwendet? Und inwieweit bleiben sie den realen Fakten treu?
Ich habe auf die bereits vorhandenen Biographien zurückgegriffen, aber auch auf Filme (Pierrot le fou, z.B., oder Badlands für Baader, When we were kings für RWF, Last Days für Nico) und Schicksale von Persönlichkeiten, bei denen es in meinen Augen einen Zusammenhang zu diesen Biographien gab, wie z.B. Mohammed Ali.
Meine Texte sind nicht besonders erzählerisch. Ich suche Bilder, Farben, Atmosphären, in denen etwas von der Dichte dieser Leben erfahrbar wird.
Zum Teil entferne ich mich sehr von den realen Fakten. Ich erfinde durchaus Umstände und Momente, die mir aussagekräftiger erscheinen, wirklicher als das, was für real gehalten wird.
Ich glaube, dass es vor allem wichtig ist, die Lücken eines Lebens wiederzugeben, die scheinbar harmlosen Details; und dass die ins Auge springenden Fakten (z.B. Nico tritt in La Dolce Vita auf) kaum Bedeutung haben. Sie sind im Grunde unbedeutende Fakten, auf die man eine reale Person festnagelt und die sie als solche beinahe vernichten. Diese Fakten werden zu Klischees, eine kleine Begleitmelodie (ach ja, Nico, Velvet Underground, ja ja …), die letztlich nichts aussagt.
Besonders augenfällig ist das bei Nico, die ständig neben andere, gewichtigere Berühmtheiten gestellt wird, Lou Reed, Warhol, Fellini. Ich wollte die anderen Facetten einfangen.
Das Anliegen, ein Ganzes zu fassen, das komplexer und geheimnisvoller ist als bloße Fakten, hat Rousseau ganz wunderbar auf den Punkt gebracht:
„Klimate, Jahreszeiten, Klänge, Farben, Dunkelheit, Licht, Elemente, Speisen, Geräusche, Stille, Bewegung, Ruhe, alles wirkt auf unsere Maschine ein und somit auch auf unsere Seele“.
aus: Trópico
http://p.php.uol.com.br/tropico/html/textos/2994,2.shl


